Opernblog

Julietta

»Die Frage ist, wer von uns beiden träumt, Sie oder ich?«

Short Facts

 

»Wir alle in dieser Stadt haben unser Gedächtnis verloren und wissen nicht einmal wie! Können Sie mir folgen? Manche haben es völlig verloren und erinnern sich an gar nichts. Andere wieder, wie zum Beispiel ich, haben sich einzelne Erinnerungen bewahrt. Die tauchen manchmal auf und lenken unser Leben. Sobald ein Fremder zu uns kommt, was sehr selten passiert, zwingen ihn die Einwohner selbstverständlich, ihnen Geschichten zu erzählen, die halten sie dann für eigene Erinnerungen«

#Dvořák, Janáček, Smetana und Martinů – vier »Klassiker« der tschechischen Musik

Die Opern Bohuslav Martinůs sind schillernd und vielfarbig. Der Tscheche ließ sich auf keinen Stil festlegen, doch nie verleugnete er seine Herkunft. Bohuslav Martinů (1890–1959), der vierte »Klassiker« der tschechischen Musik, entwickelte auch als Opernkomponist eine ganz eigene Physiognomie. Während Smetana auch in seinen Bühnenwerken als nationalkultureller »Gründervater« agierte und den Kreis typisch tschechischer Themen ausschritt und Janáček, weit übers Regionale hinausweisend, zu einem der großartigsten modernen Mythenschöpfer avancierte, entsprach Martinůs Opernschaffen in seiner Buntheit ein wenig dem des zweiten großen tschechischen Nationalkomponisten Antonín Dvořák. Auch bei diesem stand die Oper nicht allein im Zentrum seines Schaffens; Dvořáks reiche musiktheatralische Bemühungen standen, trotz des späten Welterfolgs von Rusalka, deutlich im Schatten seines symphonischen und kammermusikalischen Œuvres.

Martinů war fruchtbar in vielen musikalischen Gattungen; die Oper bedeutete bei ihm eine von mehreren gleichberechtigten Hauptsachen. Vom literarisch eher unberatenen, oft mit mäßig oder kläglich gelungenen Libretti befassten Dvořák unterschieden ihn eine weltläufige Bildung und ästhetisch vielseitige Neugier, ja Abenteuerlust. Schon früh verließ er seine Heimat und zog nach Paris, wo er Schüler des bedeutenden neoklassischen Komponisten Albert Roussel wurde. Aus dem freiwilligen Exil wurde bald eine dauerhafte Trennung vom Herkunftsland, das bald nationalsozialistisch okkupiert und anschließend dem Realsozialismus zugeschlagen wurde. Zum besonderen Faszinosum von Martinůs Musik gehört ihre ständige Markierung durch diesen Trennungsschmerz. Niemals wurde Martinů ein beliebiger, sozusagen nur in seiner Kunst beheimateter artistischer Weltbürger; immer ist seine tschechische Herkunft erkennbar als eine musikalische »Wunde«. Selbst ein so »französisches« Werk wie die Oper Juliette ist für den Hellhörigen gekennzeichnet durch das Klangsymbol der »mährischen Kadenz«, eine traditionelle Klangfigur, die auch bei Janáček (Taras Bulba) vorkommt, bei Martinů aber fast allgegenwärtig aufscheint und die imaginäre Präsenz des fernen Heimatlandes beschwört.

Martinů ist wohl der einzige Komponist, der Opern in vier Sprachen schrieb. (…) Nicht weniger als 14 Opern konzipierte Martinů, darunter immer wieder Musikkomödien wie Alexandre bis (unter dem deutschen Titel Zweimal Alexander 1964 in Mannheim aufgeführt) auf Französisch und Mirandolina (nach Goldoni) auf Italienisch. In seinen heiteren Opern triumphiert vor allem das virtuose Element. Natürlich beherrscht Martinů hier vor allem auch die Kunst des Vokalensemble-Belcanto. Mit dem Instrumentarium des Neoklassizismus und einer fein ziselierten, psychologisch vertieften Personencharakteristik zaubert er moderne Ausprägungen der traditionellen Commedia dell’arte. Ebenfalls italienisch inspiriert (aber französisch textiert) ist der wahrscheinlich von der Darstellungskunst der Maria Callas angeregte späte Einakter Ariane, der den Motivkomplex um Ariadne, Theseus und den Minotaurus aktualisiert und sich gegen Ende von Monteverdis Klagemusik der verlassenen Ariadne nähert. In eine ganz andere Welt führte die realistisch-humanitär grundierte ›Griechische Passion‹, in englischer Sprache komponiert nach dem Roman Der erneut gekreuzigte Christus von Nikos Kazantzakis.

Ein Höhepunkt in Martinůs Opernschaffen ist Juliette, wohl auch die bedeutendste musikdramatische Hervorbringung des Surrealismus überhaupt. Das Sujet von Georges Neveux hat geradezu magisch-poetische Qualitäten. Michel, ein junger Mann, kehrt nach Jahren in eine kleine französische Stadt zurück auf der Suche nach einem Liebeslied, das damals von einer als flüchtige Erscheinung an einem Fenster wahrgenommenen Frau gesungen wurde; nun muss er feststellen, dass die Einwohner der Stadt alle ihr Gedächtnis verloren haben und nur im Augenblick leben. Michel gerät in bizarre und verzweifelte Turbulenzen. Das Stück ist reich an Episoden und pittoresken Nebenfiguren wie dem »Erinnerungsverkäufer« und dem Akkordeonspieler. Die Musik wirkt auf ähnliche Weise »pluralistisch« wie diejenige der ›Marienlegenden‹. Analog zum surrealistischen Konzept irritiert sie jede »Gegenständlichkeit« durch eine irisierende, in der Schwebe gehaltene oder mehrdimensionale Tonalität. Juliette wurde noch vor der ›Griechischen Passion‹ zur international repertoirebeständigsten aller Martinů-Opern.

 

Quelle: »Musikszenische Abenteuer - Zum polyglotten Opernwerk von Bohuslav Martinů« von Hans-Klaus Jungheinrich: [t]akte 2/2014)

www.takte-online.de/musiktheater/detailansicht-musiktheater/artikel/musikszenische-abenteuer-zum-polyglotten-opernwerk-von-bohuslav-martinu/index.htm