Opernblog

Julietta

Short Facts

Titel JULIETTA
Originalsprache TSCHECHISCH
Musik/Libretto BOHUSLAV MARTINU
Literarische Vorlage JULIETTE, OU LA CLÈ DES SONGES VON GEORGES NEVEUX
UA 16. März 1938, NATIONALTHEATER PRAG
DAUER ca. 3 STD.

Bohuslav Martinů – Musikszenische Abenteuer, von Hans-Klaus Jungheinrich

Bohuslav Martinů

Die Opern Bohuslav Martinůs sind schillernd und vielfarbig. Der Tscheche ließ sich auf keinen Stil festlegen, doch nie verleugnete er seine Herkunft. Bohuslav Martinů (1890–1959), der vierte »Klassiker« der tschechischen Musik, entwickelte auch als Opernkomponist eine ganz eigene Physiognomie. Während Smetana auch in seinen Bühnenwerken als nationalkultureller »Gründervater« agierte und den Kreis typisch tschechischer Themen ausschritt und Janáček, weit übers Regionale hinausweisend, zu einem der großartigsten modernen Mythenschöpfer avancierte, entsprach Martinůs Opernschaffen in seiner Buntheit ein wenig dem des zweiten großen tschechischen Nationalkomponisten Antonín Dvořák. Auch bei diesem stand die Oper nicht allein im Zentrum seines Schaffens; Dvořáks reiche musiktheatralische Bemühungen standen, trotz des späten Welterfolgs von Rusalka, deutlich im Schatten seines symphonischen und kammermusikalischen Œuvres.

Martinů war fruchtbar in vielen musikalischen Gattungen; die Oper bedeutete bei ihm eine von mehreren gleichberechtigten Hauptsachen. Vom literarisch eher unberatenen, oft mit mäßig oder kläglich gelungenen Libretti befassten Dvořák unterschieden ihn eine weltläufige Bildung und ästhetisch vielseitige Neugier, ja Abenteuerlust. Schon früh verließ er seine Heimat und zog nach Paris, wo er Schüler des bedeutenden neoklassischen Komponisten Albert Roussel wurde. Aus dem freiwilligen Exil wurde bald eine dauerhafte Trennung vom Herkunftsland, das bald nationalsozialistisch okkupiert und anschließend dem Realsozialismus zugeschlagen wurde. Zum besonderen Faszinosum von Martinůs Musik gehört ihre ständige Markierung durch diesen Trennungsschmerz. Niemals wurde Martinů ein beliebiger, sozusagen nur in seiner Kunst beheimateter artistischer Weltbürger; immer ist seine tschechische Herkunft erkennbar als eine musikalische »Wunde«. Selbst ein so »französisches« Werk wie die Oper Juliette ist für den Hellhörigen gekennzeichnet durch das Klangsymbol der »mährischen Kadenz«, eine traditionelle Klangfigur, die auch bei Janáček (Taras Bulba) vorkommt, bei Martinů aber fast allgegenwärtig aufscheint und die imaginäre Präsenz des fernen Heimatlandes beschwört.

Martinů ist wohl der einzige Komponist, der Opern in vier Sprachen schrieb. (…) Nicht weniger als 14 Opern konzipierte Martinů, darunter immer wieder Musikkomödien wie Alexandre bis (unter dem deutschen Titel Zweimal Alexander 1964 in Mannheim aufgeführt) auf Französisch und Mirandolina (nach Goldoni) auf Italienisch. In seinen heiteren Opern triumphiert vor allem das virtuose Element. Natürlich beherrscht Martinů hier vor allem auch die Kunst des Vokalensemble-Belcanto. Mit dem Instrumentarium des Neoklassizismus und einer fein ziselierten, psychologisch vertieften Personencharakteristik zaubert er moderne Ausprägungen der traditionellen Commedia dell’arte. Ebenfalls italienisch inspiriert (aber französisch textiert) ist der wahrscheinlich von der Darstellungskunst der Maria Callas angeregte späte Einakter Ariane, der den Motivkomplex um Ariadne, Theseus und den Minotaurus aktualisiert und sich gegen Ende von Monteverdis Klagemusik der verlassenen Ariadne nähert. In eine ganz andere Welt führte die realistisch-humanitär grundierte ›Griechische Passion‹, in englischer Sprache komponiert nach dem Roman Der erneut gekreuzigte Christus von Nikos Kazantzakis.

Ein Höhepunkt in Martinůs Opernschaffen ist Juliette, wohl auch die bedeutendste musikdramatische Hervorbringung des Surrealismus überhaupt. Das Sujet von Georges Neveux hat geradezu magisch-poetische Qualitäten. Michel, ein junger Mann, kehrt nach Jahren in eine kleine französische Stadt zurück auf der Suche nach einem Liebeslied, das damals von einer als flüchtige Erscheinung an einem Fenster wahrgenommenen Frau gesungen wurde; nun muss er feststellen, dass die Einwohner der Stadt alle ihr Gedächtnis verloren haben und nur im Augenblick leben. Michel gerät in bizarre und verzweifelte Turbulenzen. Das Stück ist reich an Episoden und pittoresken Nebenfiguren wie dem »Erinnerungsverkäufer« und dem Akkordeonspieler. Die Musik wirkt auf ähnliche Weise »pluralistisch« wie diejenige der ›Marienlegenden‹. Analog zum surrealistischen Konzept irritiert sie jede »Gegenständlichkeit« durch eine irisierende, in der Schwebe gehaltene oder mehrdimensionale Tonalität. Juliette wurde noch vor der ›Griechischen Passion‹ zur international repertoirebeständigsten aller Martinů-Opern.

Quelle: »Musikszenische Abenteuer - Zum polyglotten Opernwerk von Bohuslav Martinů« von Hans-Klaus Jungheinrich: [t]akte 2/2014) www.takte-online.de/musiktheater/detailansicht-musiktheater/artikel/musikszenische-abenteuer-zum-polyglotten-opernwerk-von-bohuslav-martinu/index.htm

 

»Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden« - André Breton

Der Surrealist André Breton, von Christian Lindner

André Breton, picture alliance / ZB

Die Surrealisten gelten bis heute als eine der einflussreichsten künstlerischen Gruppen des 20. Jahrhunderts. Ihr Wortführer war André Breton. Von ihm stammt die Idee der Écriture automatique, des automatischen Schreibens. (...)

Dass das Dichten keine besondere Sache sei, sondern etwas, das wir alle jeden Tag tun – diese Leitidee hatte André Breton, 1919 Gründer der Gruppe der Surrealisten und ihr Cheftheoretiker, in der deutschen Romantik gefunden. Nach dieser Einsicht hat er auch sein eigenes poetisches Schreiben gestaltet. Sein Ziel: Das Leben "wieder mit Leidenschaft aufzuladen", und Licht in das Dunkel der erlebten Augenblicke zu bringen. (...) In Bretons Vortrag beginnt das Gedicht "Freie Liebe" wie ein langsam anschwellender Gesang, ausgelöst durch ein inneres Erdbeben, das später fast wie in Raserei Bild- und Wortexplosionen hervorbringt als Zeugnis eines starken erotischen Wunschtraums. Aber wer spricht da? Diese Frage hat André Breton sich selbst immer wieder gestellt, in seinem berühmtesten, 1928 erschienenen Buch "Nadja" gleich im ersten Satz: "Wer bin ich?" Breton, 1896 in Tinchebray in der Normandie geboren, studierte Medizin und Psychiatrie, zwar ohne Abschluss, aber immerhin hatte er die Traumlehre Sigmund Freuds kennen gelernt. André Breton: "Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden." Das war eine weitere Leitidee der Surrealisten, zu denen neben Autoren wie Louis Aragon, Philippe Soupault und Paul Éluard Maler wie Joan Miró, Giorgio de Chirico, Max Ernst, Salvador Dalí und Filmemacher wie Luis Buñuel und Fotografen wie Man Ray gehörten. Innerhalb der Gruppe, die nach einer Feststellung Walter Benjamins den radikalsten Freiheitsbegriff in Europa seit Michail Alexandrowitsch Bakunin vertrat und "dichterisches Leben bis an die äußersten Grenzen des Möglichen trieb", galt Breton als - nicht immer unumstrittener - Wortführer. Um die Fassaden einer meist rational aufgefassten Wirklichkeit zu zerstören und die geheimnisvolle Magie des Lebens auszudrücken, plädierte er in mehreren Manifesten für Traumprotokolle, hergestellt durch Écriture automatique, ein automatisches Schreiben, das sich – nach Breton – der Intuition überlässt. "Der erste Satz wird ganz von allein kommen, denn es … stimmt, dass in jedem Augenblick in unserem Bewusstsein ein unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden." Sein Lebensziel: Auflösung von Widersprüchen. Am Reiseziel der Surrealisten ließ Breton keinen Zweifel aufkommen: "Es gibt einen bestimmten geistigen Standort, von dem aus Leben und Tod, Reales und Imaginäres, Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-Mitteilbares, Oben und Unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden." Der Frage, wie Unterbewusstes und Bewusstes einen Zusammenhang bilden und eine Person widerspruchslos ganz sie selbst werden kann, ist Breton in seinem eigenen Schreiben gefolgt, indem er seine Bücher wie "Die kommunizierenden Röhren" aus dem Jahr 1932, "L’amour fou" von 1937 und vor allem "Nadja" als Studien über den Ursprung des Begehrens angelegt hat – "Nadja" versucht eine Lebensbeschreibung in Gestalt einer überwältigenden Liebesgeschichte. Im Ergebnis sind allerdings weniger Bretons Antworten als die durch sein poetisches Verfahren sich ergebenden Fragen bedeutsam geworden, die er zum Beispiel in "Nadja" nach dem Eingangsruf "Wer bin ich?" sich selbst am Ende auf bewegende Weise gestellt hat. "Wenn es Trugschlüsse waren, so muss zugegeben werden, dass sie mich mehr als alles andere veranlassten, mir selbst, dem, der von fern auf die Begegnung mit mir selbst zukommt, den immer erschütternden Schrei des ‚Wer da?‘ zuzuwerfen. Wer da? Bin ich es allein? Bin ich es selbst?" André Breton starb am 28. September 1966 in Paris, wohin er 1946 aus der amerikanischen Emigration zurückgekehrt war. Seine Hoffnung, den Surrealismus als Bewegung noch einmal zum Leben zu erwecken, erfüllte sich nicht – an seine Stelle war der Existenzialismus getreten. Immerhin leuchtete eine Grundidee André Bretons zwei Jahre später noch einmal auf als im Mai 1968 in Paris die rebellierenden Studenten mit einer Parole des Surrealismus verlangten: "Die Phantasie an die Macht!

Quelle: www.deutschlandfunk.de/vor-50-jahren-der-tod-des-surrealisten-andre-breton.871.de.html

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