Opernblog

Liberazione

#Musiktheater individuell erleben mit Vogo

In der Inszenierung von ›Liberazione‹ werden die Zuschauer interaktiv mit dem Bühnengeschehen agieren. Das Zauberwort dazu lautet: Vogo Sport. Noch nie gehört!? Das Konzept der Firma Vogo Sports ist eigentlich für große Sportevents in Stadien oder Hallen entwickelt worden und ermöglicht es dem Publikum Vorort auf mobilen Endgeräten zwischen verschiedenen Kameraperspektiven hin- und herzuwechseln oder Wiederholungen und Zeitlupen anzuschauen. Mit dem Musiktheater-Kollektiv AGORA findet diese Technik nun auch Einzug auf die Opernbühne. Das Arbeiten mit Kameras verhilft dem Regie-Team zu neuen Räumen, Ebenen und Distanzen auf der Bühne und der Zuschauer erlebt die Aufführung in individueller Perspektive mit unkonventionellen Blickwinkeln. Die Grenzen zwischen analog und digital, Bühne und Sitzreihen, Künstler und Publikum konvergieren, verschieben und verschmelzen. Der Zuhörer wird eingeladen seine Komfort-Zone zu verlassen und das persönliche Theatererlebnis mitzugestalten. Für alle weitgehend Analog-Gebliebenen gibt es eine begrenzte Anzahl von Tablets bzw. Smartphones für die Vorstellung zu leihen. Erklärungen rund um die Technik gibt es vorab.

 

#Der Bühnenraum - von der Skizze zur Bauprobe auf die Probebühne

#Francesca Caccini: Insel der Wenigen

Francesca Caccini © Museum Thyssen-Bornemisza

Von Thomas Schmoll

Das Lob kam aus berufener Quelle: "In Florenz hörte ich die Tochter des Signor Giulio Romano sehr schön singen und Laute und Clavicembalo spielen", schrieb Claudio Monteverdi 1610 an den römischen Kardinal Ferdinando Gonzaga. Das prominente Urteil galt Francesca Caccini, einer der schillerndsten italienischen Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts – und der bedeutendsten Komponistinnen im Übergang zum Frühbarock. Zusammen mit den Madrigal-Komponistinnen Barbara Strozzi und Maddalena Casulana liefert Caccini den lebendigen Beweis dafür, dass das Bildungsideal der italienischen Renaissance keine Geschlechtergrenzen kannte. 1587 in Florenz geboren und wahrscheinlich um 1641 herum in ihrer Heimatstadt gestorben, brachte Francesca Caccini das Kunststück fertig, unmittelbar nach ihrer Ausbildung fast vier Jahrzehnte lang als freischaffende Musikerin zu leben. Sie war so schön wie berühmt, europäische Fürsten- und Königshäuser rissen sich um sie, Paris und Florenz ließen sich um ihretwillen sogar in eine diplomatische Krise verwickeln. Francescas Vater war der renommierte Komponist und Opernpionier Giulio Caccini, auch Giulio Romano genannt. Wie ihre jüngere Schwester Settimia (die ebenfalls komponierte) sang sie in dem Chor der donne di Giulio Romano, einem professionellen Familienbetrieb. Müßig zu erwähnen, dass sie alle höfischen Regeln und Manieren beherrschte und mehrere Sprachen fließend sprach. Francesca Caccini hat insgesamt sieben Bühnenwerke komponiert, von denen leider nur La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina (Die Befreiung Ruggieros von Alcinas Insel) aus dem Jahr 1625 überliefert ist. Es spricht einiges dafür, dass es sich hierbei um die erste von einer Frau geschriebene Oper der Musikgeschichte handelt. Dass die Partitur – einschließlich Caccinis kostbarer Anmerkungen zur Aufführungspraxis – anlässlich der Florentiner Premiere im Druck erschien, der damals noch enorm teuer war, drückt eine ganz besondere Wertschätzung dem Werk wie der Künstlerin gegenüber aus. […] Bei Francesca Caccini bestimmen vor allem Frauen das Bühnengeschehen: Zwei machtvolle Damen, die böse Zauberin Alcina und die gute Fee Melissa, ringen um den Ritter Ruggiero. Dieser, ein früher Antiheld, verkennt im Rausch der Triebe offensichtlich die Gefahr, in der er schwebt. Alcina nämlich pflegt alle Liebhaber, derer sie überdrüssig wird, in Pflanzen zu verwandeln. Am Ende obsiegt Melissa, und Ruggiero kehrt auf den Pfad ritterlicher Tugend zurück. Augenzwinkernd lässt Caccini ihn im Finale mit anderen »Leidensgefährten« in vollem Ornat einen Chor der Freude schmettern. Das Spiel mit den Geschlechterrollen ist hochinteressant. Auf der Bühne steht die Welt kopf, die Frauen haben buchstäblich die Hosen an, die Männer sind Opfer ihrer Zauberinnen- und Verführerinnenkünste. Ist die historische Musikwissenschaft männlich, pflegt sie darüber gerne hinwegzugehen; ist sie weiblich, wird hinter der Verkehrung der Verhältnisse ein ironischer Reflex auf die höfische Wirklichkeit vermutet – was auf Anhieb einleuchtet. Stilistisch steht Caccini zwischen ihrem Vater, Jacopo Peri und Monteverdi: Einerseits ist ihre Alcina noch der alten Form der Madrigaloper verpflichtet (also mit ausschweifenden Ballettmusiken als Intermezzi), andererseits weisen die Ariosi in ihrer gesanglichen Virtuosität und Dramatik bereits auf eine Individualisierung der Ästhetik hin. […]

Quelle: Die Zeit, 30. März 2017

 

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