Opernblog

Play Europeras

Im Opernblog findet ihr Bilder, Texte und Videos, die uns bei der Arbeit an der Aufführung wichtig waren – egal ob selbst gemacht oder gefunden. Der Blog befüllt sich nach und nach, wie die Arbeit eben fortschreitet. 

 

 „200 Jahre lang haben uns die Europäer ihre Opern geschickt. Nun schicke ich sie alle zurück.“

In seinen Opern Europeras 1 & 2 aus 200 Opern in 64 Bildern dekonstruiert John Cage mittels Zufallsoperationen die Sprache der klassischen Opern des 18. und 19. Jahrhunderts.

Nicht nur die Musik wird dem Zufallsgenerator unterworfen, sondern auch Bühnenbild, Requisiten, Licht, Tanzfiguren und Opernarien. Dabei werden die Prinzipien des chinesischen I Qing zugrunde gelegt. Das Orchestermaterial wurde von Cage zufällig aus über 200 Opern ausgewählt und wird ohne Dirigent aufgeführt. Den 28 Musikern ist freigestellt, wann sie die jeweiligen Ausschnitte innerhalb fest vorgegebener Zeitblöcke spielen. Die Opernarien werden jeden Abend zufällig ausgewählt und von den Solisten zu anderen Zeitpunkten und Orten auf der Bühne gesungen.

Geleitet wird die Aufführung von einer Uhr, da die jeweiligen Einsätze nur nach Minuten festgelegt werden.

Europeras 1 & 2 bildet Cages größte und radikalste Musiktheaterarbeit. Es gibt keine Handlung, aber eine Zusammenfassung im dadaistischen Stil, die aus Opernlibretti zusammengestellt wurde. Keine der Noten ist von Cage im ursprünglichen Sinne komponiert worden, sondern er benutzt nur Material anderer Komponisten.

Das Werk ist eine Auftragsarbeit von Heinz-Klaus Metzger und Reiner Riehn. Die Uraufführung erfolgte im Dezember 1987 an der Oper Frankfurt unter Gary Bertini. Seitdem gab es Aufführungen u.a. an der Staatsoper Hannover, der Ruhrtriennale und dem Staatstheater Braunschweig.

 

Der Regisseur Daniel Wetzel von RIMINI PROTOKOLL hat sich folgende Gedanken zu unserer Produktion gemacht:

Wieviele Teile soll die Oper haben? Wir fragten den Wirt der Brückenschenke an der Wupper nahe der Oper: Was denkst Du, wieviele Länder gibt es auf dem Kontinent Europa? Er stellte sich als Palästinenser vor und Nebenbeiprogrammierer und tippte auf 27. Sicher? - 27. Europeras 1 ist in unserer Inszenierung in 27 Teile unterteilt. 

Über Europeras 1 & 2, 1987 uraufgeführt an der Oper Frankfurt (in der Alten Oper), sagte John Cage, dieses Projekt sei eine der wenigen Entscheidungen in seinem Leben, die er bereue. Vermutlich unter dem Eindruck der selbst für seine Verhältnisse überdimensional zahlreichen Entscheidungen, die vordergründig dem Geschmack, der Tradition, der Manier, der Ideologie entzogen, anhand des I-Ging getroffen werden mussten. 

Für ein Feld von 64 Feldern organisieren wir wiederum in unzähligen Ermittlungs-Operationen, welche der 10 bzw. 9 Sänger in welcher Kleidung auf welchem Feld aus welcher Arie wie lange singen sollen, während welche Bild-Tafeln, Bühnenbild-Elemente und Requisiten erscheinen und welche Sätze hinzugeraten können. 

John Cage hat freigestellt, ob dies jeden Abend neu ausgewürfelt werden soll, beispielsweise von jedem Sänger für sich in der Garderobe. Wir haben uns dafür entschieden, diese Operationen nur einmal durchzuführen und auch der Genauigkeit  einen Zeitraum zu geben, dessen sie bedarf, um dem Zufall zur Stärke zu verhelfen. 

Europeras 1 & 2 ist ein Opernzirkus, ein Experiment des Unerwarteten, Unerhörten. Er spannt den großen Boden zwischen Unerwartetem und Entscheidung - sowohl im Prozess seiner Erarbeitung, als auch in jedem Moment der Aufführung. Wie gehen wir mit der Überraschung um? Mit dem Unerhörten? Wo, wenn nicht in das Neue, lohnt es sich, hinein zu lauschen? Was, wenn nicht die Beobachtung des eigenen Umgangs mit den mitgebrachten Konventionen, steht auf dem Spiel bei diesem Spiel? 

Europa - in einer Phase der Zuspitzung seiner paradoxen und hoffentlich auch seiner elementaren Kräfte - ist das Gesicht, dass sich im Spiegel seiner Opern betrachtet. Für Europeras 2 reisen wir deshalb für jede der 9 Stimmen in eine andere Stadt des Kontinents und filmen Opernsänger*innen beim Singen ihrer Arien, im Modus des Erinnerns. An der Ampel. In ihrem Wohnzimmer. Vor ihrem Wahrzeichen. An Orten des Zufalls. 

Zu Beginn des Projekts dachten wir, es ginge darum, speziell den Europeras und der Kunst von John Cage allgemein den Spieltrieb unterzujubeln, der mittlerweile in den Highspeedbörsen für eine neue Dimension des Wetters sorgt  - ein zufälliges Finanzwetter, dessen algorithmisches Flackern keiner mit Hirn mehr lenkt. Wir haben entdeckt, dass das Gegenteil im Kern dieser Arbeiten steckt - ein permanentes Abwägen und Beobachten der Werte, deren Erscheinen wir schätzen, weil sie statt der Diskussion den Umgang mit dem feiert, was uns begegnet. Und wenn Du es nicht feiern kannst, so John Cage - dann ist es keine Kunst. 

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